Hamburg Museum für Kunst und Gewerbe

Stylectrical

Von Elektrodesign, das Geschichte schreibt

Oder

Der Apfel ist Braun

26. August 2011 - 15. Januar 2012

Zusammenfassung

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Diese Bewertung hat die Redaktion von EXHIBS.INFO aufgrund der vorliegenden Berichte erarbeitet. Sie ist bei aller journalistischen Sorgfalt subjektiv, andere Besucher mögen zu anderen Einschätzungen kommen. Sie sind in jedem Fall herzlich aufgefordert, sich mit ihrem Bericht an dieser Seite zu beteiligen.


Der Zug nach Hamburg hatte Verspätung, der Anschlußzug fuhr deshalb ein bißchen früher?

Wunderbar!

Sie haben jetzt zwei Stunden Zeit, sich eine spannende Werkschau über Entwurf von Gebrauchsgütern im allgemeinen und von Elektro-Artikeln im Besonderen anzusehen. Gehen Sie flink die 100 Meter vom Hauptbahnhof hinüber zum Museum für Kunst und Gewerbe. Es ist übrigens das einzige Museum, bei dem eine S-Bahn-Linie durch den Keller fährt. Weiter oben, im zweiten Stock haben technikaffine Kuratoren eine Ausstellung über die Entwicklung des industriellen Elektrodesigns im kulturwissenschaftlichen Kontext am Beispiel des Unternehmens Apple gestaltet.

Was darf man sich darunter vorstellen?

Klar, Apple-Produkte stehen im Vordergrund: Rechner, Musikgeräte, Telefone, Monitore. Jede Phase ist vertreten, auch Entwürfe, über die ein gnädiger Zeitgeist längst den Mantel des Vergessens gedeckt hatte. Aber Apple war, auch wenn das vielen nicht klar ist, nicht allein in der Welt, die Entwürfe hatten Zeitgenossen und vor allem Vorläufer.

Es ist ein großes Verdienst, die Hyphe um das Apple-Design bei aller Begeisterung zu erden. Audio-visuelle Möbel und Geräte von Braun und Wega lassen nicht nur Sammler strahlen, sondern verdeutlichen: das (aktuelle) Apple-Design ist so neu nicht und steht in einer Reihe mit Entwicklungen, die längst Design-Geschichte geschrieben haben.

Apple-Fans nehmen besser den Fahrstuhl

Der Weg zur Ausstellung ist brillant ausgeschildert. Eine stilisierte Leiterbahn führt den Besucher von der Kasse durch das renovierte Treppenhaus, an einer verlockenden Ausstellungen zum Jugendstil vorbei und schließlich über eine museumsgerecht knarrende Stiege zum Eingang der Ausstellung.

Die Wände auf dem Weg zur eigentlichen Ausstellung ist gesäumt von Bildern, die einem echten Apple-Fan das Blut in den Adern gefrieren lassen. Mit Wollust hat Michael Tompert iPhones und iPods fies und brutal zerstört und ästhetisch dokumentiert. Der Besucher lernt: einer Güterzuglokomotive und einer 9mm hat auch Apple nichts entgegenzusetzen. Wer der zerstörerische Fotokünstler ist, bleibt dem flanierenden Besucher verborgen. Die Beschriftung der Exponate ist nicht nur hier ungenügend.

Zartbesaitete Besucher können sich diesen Schock ersparen, wenn sie von der Kasse den Fahrstuhl direkt in den zweiten Stock nehmen.

Die Beschriftung zu den Bildern enthält überraschender weise keinen Hinweis auf den Künstler. Gut, wer sein iPhone dabei hat: Für die Zeit der Sonderausstellung gibt es im Museum ein WLAN, über das man dann bei Google mit einigen Suchanfragen alsbald den Namen des Künstlers herausfindet. Eine Ausstellung zum Mitmachen.

Kontext und Geschichte

Die Ausstellung ein seltener Glücksfall für den Besucher. Ist er es doch gewohnt, eine Reihe von Exponaten zu betrachten, die mehr oder weniger beziehungslos neben einander aufgereiht sind. Besonders gilt das bei Themen-Ausstellungen. Hier geht es natürlich um die Firma Apple und das Design ihrer Produkte. Eingebettet und lebendig wird diese Präsentation durch die Zeitschiene auf der sich das Design entwickelt und die begleitenden Konsumartikel: Kleider, Schuhe, Stühle, Kameras und so weiter.

Es trägt zu einer gesunden Entmystifizierung des Apple-Phänomen bei, daß die stilbildenden Formen von der großen Firma Apple und ihrem Heilsbringer Steve Jobs auf eine weithin unbekannte Größe namens Jonathan Ive heruntergebrochen werden. Jonathan Ive ist der Chefdesigner bei Apple. Der Besucher gewinnt auf dem Rundgang durch das Design von Elekrogeräten der letzten 50 Jahre auch die Erkenntnis, daß die Produkte von Apple nicht nur Kind ihrer Zeit ist, sondern auch den Designstandard fortschreibt, der lange vor Jonathan Ive von Dieter Rams für die Firma Braun entwickelt wurde.

Kommerz und Design

Eine Frage bleibt indessen unbeantwortet, weil sie sich im musealen Rahmen auch gar nicht in der Schärfe stellt: Wenn doch Dieter Rams für die Produkte der Firma Braun eine nahezu identische Formensprache entwickelt hat, warum ist Braun gescheitert und Apple blüht? Technisch waren die Produkte von Braun oft ähnlich weit vom jeweiligen Stand der Technik entfernt wie die Geräte von Apple heute. Auch der „Haben-will“-Effekt war seinerzeit bei den Geräten von Braun so ausgeprägt, daß sich niemand die Frage zuließ, ob die Produkte ihren Preis wert waren.

Braun scheiterte an der Freiheit der analogen Technik, Apple siegt mit den Fesseln des Digitalen: Stellen Sie sich vor, der Schneewittchensarg hätte nur Platten gespielt, die im Braun-Shop gekauft wurden, und das Radio nur Stationen empfangen, die für jeden gespielten Titel 10 Pfennig an Braun überwiesen hätten. Der Kundenkreis wäre seinerzeit schnell zusammengezurrt. Im Gegenteil war es Standard, daß man über herstellerunabhängige Anschlüsse Aufzeichnungsgeräte an die Radios anschließen konnte. Die Tonbänder und Kassetten funktionieren auch 30 oder 40 Jahre nach der Aufnahme.

Heutige Konsumenten sind von der Digitaltechnik so domestiziert, daß sie klaglos auf das Recht und die technischen Möglichkeiten verzichten, gehörte und gekaufte Musik unabhängig vom aktuellen Wiedergabegerät speichern zu können. Wer sein Geld nicht verlieren will, das er für Musik und Videos ausgegeben hat, muß mehr oder weniger bis ans Ende seiner Tage bei Apple bleiben.

Na ja, dank Dieter Rams und Jonathan Ive kann der Kunde sicher sein, daß sich die Formen bis an Ende seiner Tage nicht ändern werden.

Bewertung der Ausstellung

In Hamburg gibt es zur Zeit kein Technikmuseum, das Museum für Kommunikation wurde unlängst von der Telekom geschlossen, um einem weiteren Konsumtempel Platz zu machen. Nicht nur deswegen ist der Besuch dieser Ausstellung lohnenswert. Die Ausstellungsmacher haben zudem ihren Anspruch erfolgreich, informativ und unterhaltsam umgesetzt, "eine Ausstellung (zu zeigen) über die Entwicklung des industriellen Elektrodesigns im kulturwissenschaftlichen Kontext am Beispiel des Unternehmens Apple." Elektrodesign und Kulturwissenschaft vereint in einem Museum: hoher Anspruch, erfolgreiche Umsetzung. Einziges Manko sind die oftmals lückenhaft informierenden Beschreibungen der Exponate und die hier und da undurchsichtige Anordnung und Zusammenstellung der Ausstellungsstücke.