Kunst am Bau

Hans Haackes Projekt "Der Bevölkerung"

In diesem Bericht geht es im wesentlichen um ein einziges Exponat. Es befindet sich im nördlichen Lichthof des Reichstages in Berlin, Heimstatt des Deutschen Bundestages. Es trägt einen grammatikalisch fragwürdigen Namen und ist von außen nur technisch vermittelt sichtbar. Der Künstler hat sich um eine große politische Aussage bemüht und wurde dennoch -gerade von Politikern- als Hobbygärtner und Kunstscharlatan geschmäht. Das Kunstwerk wurde zwar begonnen. Aber der Ausstellungsbeginn geschah ohne "Firnis", es ist nicht fertig und soll es auch nicht werden. Keime und Saat aus der Erde, die Abgeordnete aus ihren Wahlkreisen mitgebracht haben, sind mit ihrem ungehinderten und unbeeinflußten Wachsen, Gedeihen und Vergehen elemantarer Teil des Konzeptes. Dieses Konzept sieht kein Ende des Exponates vor. Trotz oder wegen dieser Umstände gab und gibt es um dieses Kunstwerk eine bemerkenswert breite und engagierte Diskussionen, in denen künstlerische, politische, historische und soziologische Argumente ausgetauscht werden.

Hans Haacke ist weder Historiker, noch Soziologe sondern Künstler. Er darf darum Unsinn sagen und polarisieren und provozieren. Das hat er gemacht.

Von Volk und Bevölkerung

Für Kunst am Bau sieht jeder öffentliche Bauherr ein paar Euro vor. Wenn der Auftragggeber der Deutsche Bundestag ist, der seine neue Hütte im historischen Reichstagsgebäude mit Kunst ausstattete, dann wird es zwangsläufig politisch. Es ging um das letzte von 29 Kunstwerken, die der Bundestag zur Verschönerung der Reichstagshallen angeschafft hat. Noch vor der Beschlußfassung hatte Hans Haacke etwas bewirkt: die Parteien verzichteten auf ihren verfassungswidrigen Anspruch, den MdBs ihr Abstimmungsverhalten vorzuschreiben. Die Abgeordenten durften also endlich mal wieder auf ihr Gewissen hören. Bei der Diskussion am 5. April 2000 erlebten die Zuschauer, unter ihnen Hans Haacke, eine bunte Debatte, in der die CDU-Abgeordneten den Grünen zujubelten, Die Für- und Gegensprecher tauschten lebhaft ihre Argumente aus und wurden von quirrligen Zwischenrufen begleitet. Mit 2 Stimmen Mehrheit wurde schlußendlich der Auftrag vergeben.

Hans Haacke verbindet mit dem Begriff Volk das dumpf Völkische des Dritten Reiches und der SED-Herrschaft (Volksarmee, Volkspolizei). Den Ruf "Wir sind das Volk!" mit denen die Wende in der DDR orchestriert wurde, hat Hans Haacke wohl auch im fernen New York gehört, dengelt das aber in perfekter Politiker-Manier so zurecht, daß dem Volk auch weiterhin das nationalistische Völkische anhaftet:

Der Nachdruck lag 1989 auf dem Wort "wir." Die Bevölkerung (!) der DDR erinnerte ihre Oberen daran, dass deren penetrante Identifikation mit dem Volk jeder Legitimation entbehrte. Sie schleuderten dem verhassten Regime sozusagen die ideologische Handgranate zurück, die ihnen eigentlich gegolten hatte. An deutsches "Volkstum" dachten sie nicht. Sie handelten vielmehr in der Tradition der Französischen Revolution... (Faxinterview mit Astrid Wege)

Woher Hans Haacke das wohl weiß? Hat er die Menschen nicht ebenso für sein Gutdünken vereinnahmt, wie es seinerzeit die "Oberen" getan haben? Mir sind jedenfalls keine Untersuchungen, Lebensberichte oder Betrachtungen bekannt, die diese Einschätzung von Hans Haacke unterstützen.

Hans Haacke setzt den Begriff "Volk" gegen den der Bevölkerung und will das auch mit seinem Projekt zum Ausdruck bringen. Die ewige Frage: "Was wollte der Künstler uns damit sagen?" kann man in des Künstlers eigenen Worten nachlesen.

Grabsteine im Lichthof

Wer mit Kunstwerk etwas verbindet, das irgend wie mal "fertig" ist, muß bei Hans Haackes "Der Bevölkerung" umdenken. Es ist eher ein dauernder Vorgang, dessen Ende wahrscheinlich von der Haltbarkeit der Holzwände bestimmt wird. In dem Holzkasten, 21mx7m, befinden sich Leuchtbuchstaben, die Peter Behrens in Anlehnung an die Buchstaben über dem Eingang zum Reichstag geschaffen hat. Sie sind 1,20m hoch und wirken eher wie Trauermöbel vom Friedhof. Die Buchstaben bilden die Worte "Der Bevölkerung" und liegen auf Erde. Jeder Abgeodnete, so der Plan des Künstlers, sollte einen Zentner Erde aus seinem Wahlkreis mitbringen und in den Holztrog kippen. Eventuell aufkeimende Flora sollte sich selber überlassen bleiben.

Arsen, Zement und Bio-Kitsch

Dirk Niebel, noch dicht dran am Geschichtsunterricht der Unterprima, erinnerte daran, daß zur Olympiade 1936 jeder deutsche Teilnehmer einen Klumpen Heimaterde mitzubringen hatte. Peter Ramsauer war so verschreckt von dem Gedanken, bayerisches Land herzugeben, daß er lieber einen Sack Zement auf den Watzmann schleppen wollte, als Erde aus seinem bayerischen Wahlkreis nach Berlin (vgl Christian Bauschke: Welt 7.12.1999). Antje Vollmer, Grüne Kunstbeirätin des Bundestages, verstand weder den künstlerischen noch den politischen Gesichtspunkt und wertete den Pflanztrog als "Bio-Kitsch" und erhielt stehenden Beifall von der CDU.

Im Januar 2001 wurde die Bereitschaft zweier Grüner Abgeordneter (Höfgen und Hustedt) nach einer Erdspände vom Bundestagspräsident, seinerzeit Herr Thierse (SPD), je gestoppt. Sie wollten nämlich Erde aus Ihrem Wahlkreis mitbringen der mit TNT, Arsen und und anderen Überresten der Munitionsherstellung kontaminiert war. Fundort war die Rüstungsanlage Espagit, die in der Eifel im Grenzgebiet von Rheinland-Pfalz und Nordreihn-Westphalen liegt. Schließlich stoppten Sicherheitsbedenken das Vorhaben, weil das Inverkehrbringen von TNT einen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz darstellte. (vgl FAZ.NET vom 21.1 2001)

Wie gesagt, Hänschen Haacke wohnt weit weg von Deutschland und ist nicht als Historiker bekannt. Möglicherweise wäre es ihm dann in den Sinn gekommen, daß die Inschrift "Dem deutschen Volke" zu einer Zeit gewählt wurde, als es erstens tatsächlich seit ein, zwei Generationen so etwas gab, wie ein Deutschland: das Kaiserreich trat an die Stelle Hunderte unabhängiger Kleinstaaten. Zweitens war das Gebäude dem "Volk" gewidmet, nicht dem Kaiser. Das war seinerzeit schon fast eine Kampfansage. Nicht von ungefähr waren es Sozialdemokraten, die diese Inschrift durchsetzten. Erinnern darf man auch an unser Grundgesetz, von (überwiegend) politisch unverdächtigen Frauen und Männern verfaßt. Dort steht an prominenter Stelle: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus." nicht "... von der Bevölkerung ...". Und auch wenn es in manchen Fällen wie Hohn und Spott klingt, leitet jeder Richter in der Bundesrepublik jedes Urteil mit der Formel ein "Im Namen des Volkes". Die Abwendung vom Begriff "Volk" ist sehr vordergründig und tendenziell unpolitisch, jedenfalls unhistorisch. Zu diesem Thema empfehle ich den Beitrag "Wildwuchs im Reichstag" von Michaela Wunderle auf hr2-kultur vom 7. Juni 2011.

Besichtigung einfach oder kompliziert

Hans Haacke hat dem Holzkasten eine eigene Homepage gewidmet. Eine Kamera macht zweimal am Tag eine Aufnahme von dem Beet, das versprochene Archiv funktionierte bei der Vorbereitung zu diesem Artikel nicht. Alternativ kann man "Der Bevölkerung" auch mit Google Maps betrachten. Einfach "Reichstag Berlin" suchen und auf die größte Zoomstufe stellen. Dann kann man die Schrift lesen. Am schönsten ist es natürlich, wenn man dem Bundestag auf den Kopf steigt und von der Plattform aus einen Blick auf das Projekt wirft. Dazu muß man sich auf der Internet-Seite des Bundestages mit genauen persönlichen Daten und einem präzisen Zeitfenster anmelden. Früher durfte man sich spontan an eine Warteschlange anstellen und anonym den Blick auf Berlin genießen und, wo man schon da war, auch auf "Der Bevölkerung". Immerhin werden die persönlichen Daten auf dem Weg durchs Internet korrekt verschlüsselt. Wer die Daten im einzelnen auswertet und sammelt will ich gar nicht so genau wissen.

Der Bevölkerung ist nicht für die Bevölkerung

Sicher wird es Ihnen wie vielen anderen gehen, der Eindruck des Kunstprojektes überwältigt Sie, Tränen der Freude und Rührung wässern die Augäpfel. "Daß ich das noch erleben durfte!" Wenn Sie jetzt zur Kamera greifen und das Bild anschließend auf Ihrer privaten Homepage Ihren Freunden vorstellen, haben Sie allerdings verloren. Hans Haacke verfolgt sein Urheberrecht unerbittlich und läßt seine Häscher das Internet nach unlizensierten Bildern "Der Bevölkerung" durchsuchen. "Im Namen des Volkes" hat der Künster Recht: der Bundestag ist kein öffentlicher Raum, und der Bundestag hat wie meistens tief und fest gepennt, als er es versäumte, dem Künstler das Recht zur Veröffentlichung seines Projektes auf privaten Homepages abzuringen.
Diese Bilder auf dieser Seite werden im Zusammenhang mit einem Ausstellungsbericht veröffentlicht. Und das muß der Künstler bis 14 Tage nach Ende der Ausstellung dulden. Das ist noch ein bißchen hin.