Berlin Pergamon Museum

Sonderausstellung Babylon - Mythos und Wahrheit
26. Juni 2008 - 5. Oktober 2008

In Zusammenarbeit mit dem Lourve in Paris und dem British Museum in London

Zusammenfassung

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Diese Bewertung hat die Redaktion von EXHIBS.INFO aufgrund der vorliegenden Berichte erarbeitet. Sie ist bei aller journalistischen Sorgfalt subjektiv, andere Besucher mögen zu anderen Einschätzungen kommen. Sie sind in jedem Fall herzlich aufgefordert, sich mit ihrem Bericht an dieser Seite zu beteiligen.


Spatenwissenschaft vs. Bibelpropaganda

Babylon ist fast so sexy wie Tutenchamun: jeder kennt den Namen und vor jedermanns Auge entsteht ein vorhersehbares Bild. Nun ist Tutenchamun in Deutschland ziemlich ausgeweidet. Was könnte also in der besten Touristensaison Besucher auf die Berliner Museumsinsel locken, wenn nicht Babylon? Wurde doch das historische Babylon vor etwas über 100 Jahren (1899) von Robert Koldewey im Auftrag der deutschen Orient-Gesellschaft ausgegraben und das Ischtar-Tor als Glanzstück im Pergamon-Museum aufgebaut. Hinzu kommt ein bedeutender Aufklärungsbedarf, weil die Vorstellungen über den goldenen Halbmond, die Wiege unserer Zivilisation von biblischen Vorstellungen beherrscht wird und die wenigen gesicherten Erkenntnisse durch Saddam Hussein manipuliert und von amerikanischischen und polnischen Invasoren barabarisch verwüstet wurden. Babylon - Mythos und Wahrheit verspricht so eine sehenswerte und lehrreiche Aufarbeitung und Gegenübrstellung von gesicherten und kolportierten Berichten. Das gilt um so mehr, als der Louvre in Paris und das British Museum in London an der Ausstellung mitgewirkt haben. Der Besucher ist neugierig, welche Objekte die beteiligten Häuser in Frankreich und England beigesteuert haben.

Die Schirmherrschaft hat übrigens der Bundesaußenminister Steinmeier übernommen.

Zwei Fragen - eine Ausstellung

Die beiden Zentralbegriffe der Ausstellung: Mythos und Wahrheit stellen die Kuratoren (das Vorderasiatische Museum und die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen Berlin) in zwei getrennten Ausstellungen vor, die in verschiedenen Flügeln des Pergamon-Museums ausgestellt werden und als Kapitel bezeichnet werden.
Als Mythos gilt dabei das Wissen und die Vorstellung vor den Ausgrabungen in Babylon, als Wahrheit die Erkenntnisse der Spatenwissenschaft. Die Veranstalter sprechen dabei gar von zwei Welten, wo zwei Seiten einer Medaille den Sachverhalt vielleicht besser beschreiben.

Aufbau und Struktur der Ausstellung

Die Kuratoren mußten in die Masse und das Gewirr von Fakten, Halbwahrheiten und Legenden beherzt Schneisen schlagen. Und wenn eine Situation sehr unübersichtlich ist, ist es fast egal, welchen Weg man freischlägt, Hauptsache man kommt irgendwie voran: Die Erkenntnisse der Archäologie werden unter dem Rubrum Wahrheit im ersten Kapitel gezeigt und sollen zeigen, was hinter den Legenden steckt. Die sinnstiftende Logik dieser Reihenfolge ist pädagogisch zweifelhaft. Aber das Ischtar-Tor steht nun mal dominant im Raum. Und dann fängt man halt mit den geborgenen Artefakten und den gesicherten archäologischen Erkenntnissen an. Im Zentrum dieses Teils der Ausstellung steht das besagte Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße von Babylon. Der Besucher findet hier aber auch über 800 Objekte. Darunter befinden sich Statuen, Reliefs, Weihgaben, Fassadenteile und Schriftzeugnisse. Die wahrhaft kryptischen Keilschrift-Tafeln stehen für Babylon wie die Hierogloyphen für das ägyptische Reich.

Das zweite Kapitel der Ausstellung (=Mythos) betrachtet Babylon als Metapher für die dunklen Seiten der Zivilisation – Unfreiheit und Unterdrückung, Terror und Gewalt, Hybris und Wahn. Wer dabei an Schäubles Überwachungswahn, Selbstmord-Attentate und selbstgerechte militärische Strafaktionen in fremden Ländern denkt, findet wenigstens den Trost, daß es sich um Begleitmomente von Zivilisation handelt. In der europäischen Kunst und Kultur ist der Mythos Babel (Babel ist der biblische Name für Babylon) verknüpft mit den Urängsten der Menschheit. Hier erleben die Besucher die mythische Geschichte vom Aufstieg und Fall Babylons als Stadt der Sünde und der Tyrannei, als Schauplatz der Sprachverwirrung und als Metropole der ewigen Apokalypse. Hier begeben sich die Besucher auf eine Expedition zu den geheimnisvollen Quellen dieser Vorstellungen, deren Entstehung und Tradierung über die Jahrhunderte bis heute. Bevor Archäologen zum Ende des 19. Jahrhundert die Überreste Babylons ausgruben, prägten die Berichte des Herodot und der Bibel die Vorstellungen und das Wissen der Menschen von und über Babylon. Besonders im Hinblick auf die Lasterhaftigkeit und die als Strafgericht Gottes dargestellte Sprachverwirrung waren die biblisch-klerikal vermittelten Vorstellungen vorherrschend. Entscheidenden Anteil an diesen Texten hatten jüdische Bürger, die von den Truppen Nebukadnezar II entgegen damaliger Gepflogenheit nach der Eroberung ihres Landes von den neuen Herrschern nicht erschlagen, sondern nach Babylon verschleppt wurden. Dort beteiligten sie sich am wissenschaftlichen und kulturellen Leben, waren aber aus verständlichen Gründen über den Zwangsaufenthalt fern der Heimat unglücklich. Diese Interessenlage führte zu absurden Darstellungen und hanebüchnenen Berichten über Lasterhaftigkeit und Gottesfrevel. Diese Darstellungen fanden Eingang in die Bibel und prägten so mangels alternativer Erkenntnisse die Vorstellungen der Menschen bis ins 20. Jahrhundert. "Babylon" stand so für Prunksucht, Lasterhaftigkeit, Gotteslästerei und Sünde. Soziologisch erfüllte die biblische Propagandalüge eine wichtige Funktion bei der Herrschaftsabsicherung klerikaler und weltlicher Herrscher. Die Ausstellung erzählt darum unter dem Titel Mythos nicht die historische Wahrheit über Babylon, "sondern die Wahrheit über eine Zivilisation, die den Mythos Babel braucht, um sich selbst zu verstehen".
Auf diese philosophische Reflektion freut sich der neugierige Besucher schon sehr.

Über alles gesehen verfolgt die Ausstellung das Ziel, die dreitausendjährige Geschichte Babyloniens auf einzigartige und umfassende Weise zu veranschaulichen.

Wahrheit: Forschungsgeschichte

Seit etwas über 100 Jahren befassen sich Archäologen mit Hilfe von Ausgrabungen und der Entzifferung von Herodot Keilschrifttafeln mit den Überresten der untergegangenen Kultur Babylons. Großen Anteil an diesen Forschungen haben die deutschen Ausgrabungen unter der Leitung Robert Koldeweys. Sie begannen 1899 und endeten in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Tagebücher, Fundprotokolle und Fotos dokumentieren die Arbeit der Archäologen. Aquarelle und Tagebucheintragungen der Ausgräber geben darüber hinaus interessante Einblicke in den Alltag der Forscher. So entsteht eine faszinierende kulturgeschichtliche Rückschau bis in das 3. Jahrtausend v. Chr., eine Rückschau auf das Leben in einer Region, die für unsere eigene europäische Entwicklung von immenser Bedeutung war.

Königtum

Die Geschichte kennt Nebukadnezar II. (605-562 v. Chr. [fast 1000 Jahre nach Tutechamun]) als ruhmreichen Heerführer und erfolgreichen Staatsmann, der sein eigenes Land zu großem Wohlstand und innerem Frieden führte. In diesem Ausstellungsteil finden sich sowohl Skulpturportraits altorientalischer Könige, als auch die Insignien königlicher Macht. Waffen und eine umfangreiche Keilschriftkorrespondenz zeigen die Funktion des altorientalischen Herrschers als Verwalter des Staates, als oberster Feldherr und erster Diplomat.

Religion

Der wichtigste Gott der babylonische Götterwelt ist Marduk. Zusammen mit seinem Vater erschafft Marduk aus Lehm und dem Blut eines göttlichen Drachen namens Kingu den Menschen: man sieht, in der Bibel finden sich viele Archetypen wieder, die man sich seinerzeit in der Gegend so erzählte, wenn man sich nächtens um das Feuer kuschelte. In Babylon errichtet Maruk seinen Thron und regiert von da aus die Welt. Ob Maruk, wie der Pressetext des Museums behauptet, ein Ausdruck monotheistischen Denkens ist, sei hier zitiert aber auch bezweifelt, denn die Babylonier verehrten und fürchteten neben Marduk, der auch als Baal in die Mythengeschichte einging, weitere Götter und Dämonen. Diese Götterewelt veranschaulicht die Ausstellung durch zahlreiche Abbildungen und sakrale Gegenstände. Die Abbbildungen befinden sich auf Skulpturen, Ziegelreliefs und Rollsiegeln. Siegelbilder und Keilschrifttexte belegen die Lobpreisung der Götter und die Bedeutung des Königs als Mittler zur Götterwelt. Daneben waren die babylonischen Tempel auch große Verwaltungs- und Wirtschaftseinheiten, ein Phänomen, das auch heute noch für den Vatikan gilt.

Recht

Berühmt ist der altbabylonische Herrscher Hammurapi (1810-1750 v. Chr.) als „König der Gerechtigkeit“ durch eine der ältesten vollständig erhaltene Rechtssammlungen seines Großreiches. 300 Jahre vor ihm ließ der sumerische König Ur-Nummu fast gleichlautende Vorschriften in Stein meißeln. Hammurapis Version ging allerdings als Codex Hammurapi in die Geschichte, in den Louvre und in Kopie in das Pergamon-Museum in Berlin ein. Die schlichten Kernsätze überzeugen heute nur noch Fundamentalisten aller Fraktionen: Auge um Auge, Zahn um Zahn ist die bekannteste Handlungsanweisung für Konflikte aller Art. Wie heute der Knast die Universalstrafe darstellt, war es im Codex Hammurapi die Todesstrafe. Ob Diebstahl oder falsches Zeugnis: Die Richter entschieden auf Rübe ab! Diese brachiale Hau-drauf-und-Schluß-Rechtspflege wurde erst 1.800 Jahre nach dem Tod Hammurapis durch den etwas differenzierten Ansatz in den Predigten Jesu von Nazareth aufgebrochen. Hummurapi schuf sein berühmtes Gesetzeswerk also immerhin über 500 Jahre vor Tutenchamun. Der Codex Hammurapi wurde 1902 bei Ausgrabungen in Susa (Persien) gefunden. Das ist ein Ecke weg von Babylon. Vielleicht wurde das schwere Stück (2,25 Meter hoch) als Beute nach einem Waffengang gestohlen oder (als Kriegsbeute machte die Stele nun wirklich nichts her, und der Transport war auch nicht gerade eine logistische Fingerübung) als Entwicklungshilfe nach Persien exportiert. Der Betrachter ist gehalten, sich daran zu erinnern, daß der Codex Hammurapi zu Zeiten Nebukadnezar II schon 1.200 Jahre alt war. Das Regelwerk hatte also, wenn es zu Zeiten Nebukadnezar II wirklich noch angewandt wurde, eine ähnlich prägende Wirkung wie das römische Recht auf die Konfliktregulierung in Europa. Das Informationsmedium ist dauerhaft: Lehm, Ton und verschiendene Natursteine, in die Keilschriften eingeritzt oder eingemeißelt wurden. Keilschrift war von dereinst von den Sumerern entwickelt worden. Die ersten Zeugnisse werden auf ein Alter von 5.500 Jahren beschätzt. Die Babylonier übernahmen diese Schrift, die auch in Persien und anderen Herrschaftsgebieten der Gegend über Jahrtausende verwendet und erst sehr spät vom griechischen Alphabet abgelöst wurde. Die Entschlüsellung der Keilschrift begann, weil sie allerorten bei Grabungen entdeckt wurden, darum auch viele Jahre vor der archäöologischen Entdeckung Babylons.

Wissenschaft

Daß der Tag 12 Stunden hat und der Kreis 360 Grad, ist Wissenschaftlern in Babylon zu danken. Auch an der Entwicklung von Kalendern waren Forscher aus Babylon beteiligt. Die Wissenschafter nutzen für die Wissenvermittlung und -bewahrung die Keilschrift, die in feuchten Lehm geritzt und nach dem Trocknen wie heutzutage Aktenordner archiviert wurden. Auch der jedem Schüler bekannte Satz des Phytagoras ist tatsächlich den Babyloniern zuzuschreiben. Von seiner Anwendung zeugen entsprechende Pläne auf Tontafeln in der Ausstellung.

Baukunst

Lehmziegel dienten als Baustoff für Wohnhäuser, Paläste, Tempelanlagen, Stadtmauern und -tore. Aus dem einfachen Baustoff Lehm entstanden in Babylonien ganze Städte, in denen zehntausende Bewohner lebten – eins der ersten urbanen Systeme. Herodot berichtet auch von Erdpech (Asphalt), das in Flüssen gefunden und beim Bau von Mauern verwendet wurde. Die berühmtesten Werke des babylonischen Bauten-Almanachs sind der Ziqqurat – der Tempelturm Babylons, das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße von Babylon. In der Ausstellung erstrahlen sie nach Ankündigung der Veranstalter in völlig neuem Licht. Vielleicht erfahren die Besucher auch, wie die Babylonier die farbigen Glasuren der Mauern herstellten, beziehungsweise auf welchen Handelswegen die notwendigen Grundstoffe (Kupferoxid [blau] und Bleiantimoniat [gelb]) in die Stadt kamen.

Alltag: Wie lebten die Babylonier?

Die Freude am Leben im alten Babylon zeigt sich in den Darstellungen von Musikern, Würfel- und Brettspielen und nicht zuletzt des Liebesspiels. Gegenstände des Alltagsbedarfs aber auch Luxuswaren dokumentieren, wie die Babylonier lebten. Massenprodukte einfacher Keramikgefäße stehen im Kontrast zu fein gearbeiteten Gegenständen aus Glas, edlen Steinen und Bronze. Kleine Terrakotta-Figuren mit ihrer fast portraithaften Qualität zeigen, dass in Babylon Menschen unterschiedlichster kultureller Herkunft lebten: Juden, Ägypter, Perser, Griechen – alle fanden in Babylon eine neue Heimat. Die Präsentation von Beigaben aus Gräbern unterschiedlicher Epochen dokumentiert nicht nur die religiösen Vorstellungen der Babylonier bezüglich des Jenseits, sondern auch die sozioökonomische Stellung der Verstorbenen zu Lebzeiten. Aussagen über die Vorstellungen vom Jenseits finden sich in zahlreichen Schriftzeugnissen, vor allem in den bekannten babylonischen Mythen „Gilgamesch“ (entstanden zu Zeiten Hammurapis) und „Ischtars Gang in die Unterwelt“.

Arbeit

Effektive Anbaumethoden, eine ausgefeilte Buchhaltung und Planung, straffe Personalverwaltung und juristisch verlässliche Grundlagen, staatlicher und privater Handel, industriell anmutende Fertigungsmethoden, Experimentierfreude – dies waren die bestimmenden Merkmale des wirtschaftlichen Lebens in Babylon. Auf dieser Basis vollzog sich jenes „Wunder“, von denen uns die Legenden berichten. Reichhaltige und vor allem höchst unterschiedliche Zeugnisse materieller Kultur vermitteln in diesem Abschnitt der Ausstellung ein lebendiges Bild über die babylonische Wirtschaft, den Ackerbau und die Viehhaltung, die unterschiedlichsten Handwerksformen, den Fernhandel und die Wirtschaftsverwaltung.

Babylon in der Rückschau

Babylon wurde nie vergessen – auch wenn sich das Bild in unseren Köpfen wandelte. Neben dem „Nachleben“ der „babylonischen Realität“ in der europäisch geprägten christlich alttestamentarischen Vorstellung gab es auch ein Nachleben Babylons in anderen Kulturkreisen. Die klassische Antike bewahrte vor allem die technologischen Errungenschaften wie die Glasproduktion und die Metallverarbeitung. Die arabisch-islamische Tradition drückt sich vor allem in der Überlieferung wissenschaftlicher Erkenntnisse aus, aber auch in der Liebe zu den Gärten. In der jüdischen Tradition ist Babylon nicht negativ besetzt. Der babylonische Talmud ist nur eines der Zeugnisse dafür. Gedanken und Assoziationen waren wohl die Baustoffe für den Mythos Babel.

Babylon: Mythos

Babylon dient seit Jahrtausenden als Metapher für die dunklen Seiten der Zivilisation. Unfreiheit und Unterdrückung, Terror und Gewalt, Hybris und Wahn - in der europäischen Kunst und Kultur ist der Mythos Babylon verknüpft mit den Urängsten der Menschheit. In diesem Teil der Ausstellung erleben die Besucher die mythische Geschichte vom Aufstieg und Fall Babylons als Stadt der Sünde und der Tyrannei, als Schauplatz der Sprachverwirrung und als Metropole der ewigen Apokalypse. Sie werden auf eine Expedition geschickt zu den geheimnisvollen Quellen dieses Bildes, seiner Entstehung und Tradierung über die Jahrhunderte bis heute. Hier wird nicht die historische Wahrheit über Babylon erzählt, sondern die Wahrheit über eine Zivilisation, die den Mythos Babylon braucht, um sich selbst zu verstehen.

Babylon-System

Das „Babylon System“ führt in die Zeit der Jüdischen Gefangenschaft und damit zum Ursprung aller Babylon-Mythen. Keineswegs erlitten die Juden im Babylonischen Exil unter Nebukadnezar II. (605-652 v. Chr.) ein leidvolles Martyrium unter barbarischer Fremdherrschaft. Vielmehr erfuhren sie eine wohlwollende Behandlung, die ihnen die Fortführung der jüdischen Traditionen und die Entfaltung ihrer religiösen Identität erlaubte. Dennoch wurde die Gefangennahme der Israeliten in der christlichen Überlieferung zu einer Leitmetapher für Verfolgung, Knechtschaft und Unterdrückung. Die junge Judäerin Judith beispielsweise, die den babylonischen Heerführer Holofernes bei der Belagerung ihrer Heimatstadt Bethulia enthauptete – eine apokryphe Geschichte (Judith 10-13), die in der Bibel ohne historische Basis in die Zeit Nebukadnezars verlegt wurde –, wurde zu einer Identifikationsfigur der Verfolgung und des Widerstands.
In gleicher Weise mythifiziert wurden der nach Babylon verschleppte und von Nebukadnezar in die Löwengrube geworfene Prophet Daniel (Daniel 6, 1-27) sowie Jeremias, der Künder, der die Zerstörung Jerusalems weissagte und trauernd auf den Trümmern seiner Stadt zurückblieb (Jeremia 21,3-14). Diese Schreckensszenarien werden ergänzt durch die zahlreichen Illustrationen und Vertonungen des Psalms 137 über die Trauer der ihrer Freiheit beraubten Juden „an den Wassern zu Babel“, fern ihrer Heimat. Dieser Mythos übertrug sich in der Vorstellungswelt der jamaikanischen Rastafari – ausgehend von der kolonialen Versklavung und Verschleppung ihrer afrikanischen Vorfahren in die Karibik – auf die gesamte westliche Zivilisation und prägte den Begriff des „Babylon-Systems“.

Nebukadnezar

Die Geschichte kennt Nebukadnezar II., den Begründer des neubabylonischen Reiches, als ruhmreichen Heerführer und erfolgreichen Staatsmann, der sein eigenes Land zu großem Wohlstand und innerem Frieden führte. Oftmals fälschlich mit Nimrod gleichgesetzt, nennt ihn die Bibel einen „gewaltigen Jäger vor dem Herrn“ (1. Mose 10, 9). Im Alten Testament wird er als gottloser Tyrann dargestellt, als erbarmungsloser Zerstörer Jerusalems und maßloser Despot. Seiner Befehlsgewalt entmachtet endete er, für die begangene Todsünde der Superbia büßend, schließlich im Wahnsinn. Im Mittelalter und in der Renaissance wurde Nebukadnezar zur populärsten Negativfigur der Herrschaftskritik. Sein historisch nicht verbürgter Befehl, die drei Freunde Daniels in den Feuerofen zu werfen (Daniel 3,1-30), nimmt in schrecklicher Weise den Holocaust voraus. Als vorgeblich legitimer Nachfolger stellte sich Saddam Hussein in die fiktive Erbfolge Nebukadnezars. Beide verband über die Jahrtausende hinweg das brennende Verlangen nach triumphaler Herrschaft über ein Weltreich. Gleichermaßen mündeten die Visionen von der allmächtigen Regentschaft eines Welt umfassenden Imperiums bei beiden Herrschern in der absoluten Niederlage.

Stadt der Sünde

Der Begriff der Sünde wurde im Babylonischen im umfassenden Sinne als Begriff für schuldhaftes Vergehen gegenüber den sittlichen Maßstäben menschlicher und göttlicher Natur genutzt. Eine Begriffswelt unmoralischer Handlungen im sexuellen Umfeld existierte nicht. Das Zerrbild von Babylon als Stadt der Sünde hat seinen Ursprung bei Augustinus (354-430 n. Chr.), dem bedeutendsten christlichen Gelehrten der Spätantike. In seiner Schrift „De Civitate Dei“ entwickelte Augustinus die Idee vom Gottesstaat, verkörpert durch das himmlische Jerusalem, der dem irdischen Staat als von widergöttlichen Kräften beherrschtes Reich des Bösen, manifestiert im teuflischen Babylon, gegenübersteht. Ausgehend von diesen zwei, in allen Gesellschaften präsenten Reichen, entwirft Augustinus eine umfassende Menschheitsgeschichte. Ein Jahrtausend später greift Martin Luther (1483-1546) dieses Denkbild auf und setzt in seiner programmatischen Schrift „De Captivitate Babylonica“ Rom als Zentrum der ihm verhassten katholischen Welt mit der babylonischen Hure gleich. Dieser Vergleich wurde geprägt durch die von der Offenbarung des Johannes ausgehende Symbolik Babylons als gottesfeindliche Macht und Metropole der Sünde und Dekadenz. Auch in der Bilderwelt des 20. und 21. Jahrhundert kursiert dieses Bild von Babylon als Metropole der verbotenen – und ebenso oft verlockenden – Lüste, kulminierend nicht zuletzt im Genre der Pornographie.

Semiramis

Nüchtern betrachtet, ist es sehr zweifelhaft, ob Semiramis eine historische Person oder ein Mythos ist. Wer sicher sein vor Blamagen und überspannten Deutungen, entscheidet sich für "Mythos". Sicher ist, daß die Zuordnung der "hängenden Gärten" zu Semiramis erst in der Neuzeit vorgenommen wurde. Die berühmten "Hängenden Gärten der Semiramis" sind historisch nicht gesichert, geben aber immer wieder Anlaß, sich der historischen Spekulation anheimzugeben. Semiramis und die Hängenden Gärten haben archäologisch ungefähr solche Gewißheit wie "Hänsel und Gretl".

Der Turm

Im Gegensatz zu den Hängen Gärten der Semiramis" gilt es unter Wissenschaftlern als gesichert, daß es den berühmten Turmbau zu Babel wirklich gegegeben hat. Es handelt sich um eine Tempelanlage (Zikkurat) in Babylon, deren Fundamente der deutsche Architekt und Archäologe Robert Koldewey 1913 freigelegt hat. Die Entstehungsgeschichte ist lang und wechselhaft. Erst Nebukadnezar II vollendete den Bau, der danach schnell verfiel. Alexander der Große plante, den Turm neu zu errichten, leider raffte ihn ein Fieber hin, bevor seine Leute mit dem Wiederaufbau beginnen konnten. Nur der vollständige Abriß gelang noch. Anders als die Propagandisten der Bibel-Fraktion behaupten, wurde der pyramidenförmige Tempelbau vollendet, ohne daß himmliche Mächte den Werktätigen sprachliche Knüppel zwischen die Beine geworfen hätten. Die Bibel stellt den Turmbau in eine Reihe mit dem Kains Brudermord und der Sintflut, in der Gott empört über die unbotmäßige Näherung der Menschen an die Himmelspforten die Sprache der Werktätigen verwirrt um infolge der zusammenbrechenden Kommunikation eine Vollendeung des Turms zu verhindern. Die Heilige Schrift pflegt so die Vorstellung Gottes als einer kleinlichen, tumben und rachsüchtigen Himmelsmacht. Sicher ist, daß beim Turmbau in Babylon die Arbeiter in vielen Sprachen gesprochen haben. Das wird in Babylon nicht anders gewesen sein als bei allen großen Bauvorhaben der Weltgeschichte: immer waren Sklaven, Kriegsgefangene oder Zugewanderte am Werk. Und niemand kann ja wohl glauben, die babylonische Sprach- und Sinnverwirrung in der EU sein eine Strafe Gottes, oder?
Bis heute ist der Babylonische Turm Synonym für eine Kolossalarchitektur, deren Ambition keine menschlichen Grenzen kennt. So erhielt New York in der gigantomanischen Bauwut der 1920er Jahre seinen Beinamen „New Babylon“, sich eindrucksvoll spiegelnd in Fritz Langs Machtarchitekturen von „Metropolis“ (1927), der erste Film der zum Weltkulturebe der Menschheit erklärt und erst 80 Jahre später nahezu vollständig verfügbar ist.
Diese negative Bedeutung des Turms als Kathedrale des Bösen, geprägt durch den Größenwahn und Hochmut seines legendenhaften Erbauers Nimrod, lebt in der Populärkultur bis heute fort, beispielsweise in Saurons Turm Barad-dûr in der Verfilmung von Tolkiens „Herr der Ringe“ (2001-2003).

Die Apokalypse

Für eine gewaltsame Zerstörung der Stadt Babylon, wie in der Genesis (1. Mose 11,5), bei den Propheten (Jesaia 13,1-22; Jeremia 50,1-3) und in der Apokalypse des Johannes (Offenbarung 18, 1-24) geschildert, ist kein historischer Beleg bekannt. Nach der Eroberung Babylons durch den Perser Kyros II (539 v. Chr.), verlor die Stadt ihre einstige Größe und wich in ihrer Bedeutung neu gegründeten Siedlungszentren. In der Apokalypse des Johannes entlädt sich Gottes Zornüber der Hure Babylon (Offenbarung 17, 1-18), über der Stadt. Worin die Hurerei der irdischen Könige nit der Stadt Babylon bestand, steht auch geschrieben: Es ist der Reichtum durch Handel:

"Und die Kaufleute auf Erden werden weinen und Leid tragen über sie, weil ihre Ware niemand mehr kaufen wird, {Hesekiel.27,36} 27,36 Die Kaufleute in den Ländern pfeifen dich an, daß du so plötzlich untergegangen bist und nicht mehr aufkommen kannst. 12die Ware des Goldes und Silbers und Edelgesteins und die Perlen und köstliche Leinwand und Purpur und Seide und Scharlach und allerlei wohlriechendes Holz und allerlei Gefäß von Elfenbein und allerlei Gefäß von köstlichem Holz und von Erz und von Eisen und von Marmor, {Hesekiel.27,12} 27,12 Tharsis hat dir mit seinem Handel gehabt und allerlei Waren, Silber, Eisen, Zinn und Blei auf die Märkte gebracht.{Hesekiel.27,22} 27,22 Die Kaufleute aus Saba und Ragma haben mit dir gehandelt und allerlei köstliche Spezerei und Edelsteine und Gold auf deine Märkte gebracht. 13und Zimt und Räuchwerk und Salbe und Weihrauch und Wein und Öl und Semmelmehl und Weizen und Vieh und Schafe und Pferde und Wagen und Leiber und Seelen der Menschen." .

Bis in die heutige Zivilisation ist die Zerstörung Babylons das symbolträchtigste Szenario eines selbst verschuldeten Untergangs.

Die Sprachverwirrung

Im multikulturellen Babylon lebten Menschen verschiedenster Nationen friedlich zusammen. In den Straßen der Stadt waren die unterschiedlichsten Sprachen aller Völker der Erde zu vernehmen. Dem gegenüber steht die biblische Überlieferung der Genesis, in der Gott die Anmaßung der Menschheit, verkörpert durch das größenwahnsinnige Turmbauprojekt, durch die Sprachverwirrung strafte:

„Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in ihre Länder.“ (Mose 11, 7-9).

Die babylonische Sprachverwirrung steht also für den Sündenfall einer urbanen Zivilisation, die den Bezug zur göttlichen Sprache der Natur verloren hat. An die Stelle der Sprache Gottes treten in unkontrollierbarer Vielfalt die Sprachen der Menschen.
Man mache sich die Folgen solcher Vorstellungen einmal deutlich.
Die Bibel wird so zum Wegbereiter des stumpfen Denkens, daß Vielfalt der Kulturen und Sprachen etwas Widernatürliches und Ausdruck göttlicher Strafe sei. Feindschaft gegenüber Ausländern und Andersdenkenden darf sich so als Sachwalter göttlichen Tuns wähnen. Ein sonderbarer Glaube, von dem mancher glaubt er sollte Verfassungsrang erhalten. Verhüt's Gott!

Berlin ist Babylon

Glauben Sie nicht? Dann fahren Sie mal U-Bahn: An jeder Bahn- und Bustür steht, das die Benutzung nur mit gültigem Fahrausweis gestattet ist. wer sich allerdings einen Fahrschein kauft, muß den vor dem Benutzen entwerten. Gültig sind also Fahrscheine, die wertlos sind. Warum kann ich dann nicht meine abgefahrene Fahrkarte aus Hamburg weiterverwenden?! Die ist auch wertlos. Im englischen Text auf dem Fahrschein wird der Sachverhalt übrigens richtiger dargestellt. Der Kunde wird da nämlich aufgefordert, den Fahrausweis durch das Stempel gültig zu stempeln.
Das ist Sprach- und Sinnverwirrung in Reinkultur!

Der Text basiert auf einer Pressemitteilung des Pergamon-Museums und eigenen Recherchen.

Bewertung der Sonderausstellung
Babylon Mythos und Wahrheit im Pergamon-Museum
Detail

  1. Öffnungszeiten Zeichenerklärung

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  2. Leitsystem Zeichenerklärung

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  3. Präsentation Zeichenerklärung

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  4. Komfort Zeichenerklärung

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  5. Informationen vor Ort Zeichenerklärung

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  6. Informationen zum Mitnehmen Zeichenerklärung

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  7. Was gibt's fürs Geld Zeichenerklärung

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Stand 18. August 2008
Bildnachweis Sofern auf den Bildern selbst keine andere Quelle genannt ist,
stammen alle Abbildungen aus Wikipedia